
Anne Guhn
Anne Guhn ist approbierte Verhaltenstherapeutin mit Zusatzqualifikation für Gruppentherapie und zertifizierte Trainerin und Supervisorin für das Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP). Sie arbeitet als leitende Psychologin der Universitären Psychiatrischen Kliniken in Basel und ist wissenschaftlich an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité Berlin tätig. Zu ihren Schwerpunkten zählen die Behandlung chronischer Depressionen und interpersoneller Störungen. Sie ist Dozentin und Buchautorin und hat unter anderem 2019 zusammen mit Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier und Prof. Dr. Stephan Köhler mit dem "Kiesler-Kreis-Training" ein Therapiemanual veröffentlicht, deren Wirksamkeit sie aktuell in einer von der DFG geförderten klinischen Studie untersucht.
Affiliationen
Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel
Zentrum für Affektive, Stress und Schlafstörungen
Wilhelm Klein-Str. 27
CH-4002 Basel
Charité – Universitätsmedizin Berlin
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Charitéplatz 1
10117 Berlin
Vortrag
CBASP: Eine Einführung und die Rolle der Gruppentherapie
Mindestens ein Drittel der Betroffenen mit depressiven Erkrankungen weist einen chronischen Verlauf auf. Diagnostisch ist damit eine mindestens zwei Jahre andauernde depressive Symptomatik gemeint. Die meisten Betroffenen berichten jedoch über weitaus längere Erkrankungsverläufe, häufig mit Beginn in der Jugend oder dem frühen Erwachsenenalter. Diese Betroffenen erscheinen im Kontakt häufig besonders verschlossen und misstrauisch, sind mitunter sogar passiv-aggressiv bis feindselig. Auf dieser Basis gelingt der Aufbau einer therapeutischen Beziehung nur schwer, bewährte Methoden greifen nur wenig, so dass der Therapiefortschritt stagniert und auch auf Seiten der Behandelnden Gefühle der Resignation oder Verärgerung entstehen.
Mit dem Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP) hat James McCullough eine störungsspezifische Methode konzipiert, die verschiedene Therapieschulen und -konzepte miteinander vereint, um die speziellen Bedürfnisse von Menschen mit chronischen Depressionen besser zu adressieren. Als besonders innovativ gilt die therapeutische Beziehungsgestaltung im CBASP, bei der eine umsichtige therapeutische Selbstöffnung als notwendige Voraussetzung erachtet wird, mit Betroffenen eine therapeutische Arbeitsbeziehung aufzubauen.
CBASP ist eine interpersonell orientierte Methode. Belastende Beziehungserfahrungen mit prägenden Bezugspersonen in der Vergangenheit werden als Ursache für die Entstehung eines ängstlich-vermeidenden Interaktionsverhaltens betrachtet, das durch das Bestreben gekennzeichnet ist, andere Personen auf Abstand zu halten, um erneute Verletzungen zu verhindern. In Reaktion auf dieses Verhalten erleben Betroffene im Erwachsenenalter jedoch oftmals tatsächlich negative Beziehungserfahrungen, z.B. ausgegrenzt zu werden oder sich selbst zu isolieren und einsam zu sein. Das Interaktionsverhalten stellt damit den entscheidenden aufrechterhaltenden Faktor für chronische Depressionen dar und ist der zentrale Ansatzpunkt im CBASP. Dabei kommt der therapeutischen Beziehung eine besondere Funktion zu, da ängstlich-vermeidendes Interaktionsverhalten unmittelbar in der therapeutischen Beziehung reflektiert und verändert werden kann.
In der CBASP-Gruppentherapie haben sich besonders die Arbeit an Situationsanalysen (DO!-Gruppe) und die Arbeit mit dem Kiesler-Kreis (Kiesler-Kreis-Training) bewährt. Die Gruppensitzungen bieten die Möglichkeit, reale zwischenmenschliche Interaktionen zu erleben, in denen die Betroffenen neue Verhaltensweisen erproben und gegenseitiges Feedback erhalten können. Dadurch ergänzt die Gruppe die Einzeltherapie um weitere korrigierende Beziehungserfahrungen, die als wesentlich für die Bewältigung chronischer Depressionen angesehen werden.
Workshop
Zwischenmenschliche Baustellen meistern: Kiesler-Kreis-Training in der Praxis
Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen und das Erleben von Einsamkeit zählen zu den zentralen Problemen bei einer Vielzahl von psychischen Erkrankungen. Diese Herausforderungen betreffen nicht nur Menschen mit Persönlichkeitsstörungen, sondern spielen ebenso eine wesentliche Rolle bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Depressionen, Angststörungen oder Abhängigkeitserkrankungen. In der Interpersonellen Theorie gilt rigides, unangemessenes oder extremes Verhalten als Auslöser für Beziehungskonflikte und Einsamkeit. Diese zwischenmenschlichen Probleme werden dabei nicht nur als Symptome, sondern auch als wesentliche Faktoren für das Entstehen und die Chronifizierung von psychischen Erkrankungen angesehen.
Der Kiesler-Kreis ist ein Circumplexmodell, das die Vielfalt und Flexibilität menschlicher Verhaltensweisen in sozialen Interaktionen beschreibt. Dabei werden zwei zentrale Dimensionen berücksichtigt: die Dimension der Kontrolle, die das Maß an Dominanz oder Unterwerfung in der Interaktion beschreibt, und die Dimension der Beziehung, die die Distanz oder Nähe im Verhalten widerspiegelt. Die Fähigkeit, flexibel auf zwischenmenschliche Anforderungen zu reagieren und verschiedene Verhaltensweisen situationsgerecht einzusetzen, gilt als ein entscheidender Faktor für das psychische Wohlbefinden.
Das Kiesler-Kreis-Training (KKT) ist ein transdiagnostisches soziales Kompetenztraining, das sowohl in Einzel- als auch in Gruppentherapien eingesetzt werden kann. Das KKT basiert auf dem Modell zur Entstehung und Behandlung chronischer Depressionen, das im Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP) entwickelt wurde. Ziel des Trainings ist es, zwischenmenschliche Fertigkeiten zu fördern, um flexiblere und angemessenere Verhaltensweisen in sozialen Interaktionen zu entwickeln.
Im Workshop werden die fünf Module des Kiesler-Kreis-Trainings vorgestellt und in praktischen Übungen demonstriert und eingeübt. Die Workshopteilnehmenden werden in die Lage versetzt das Kiesler-Kreis-Modell selbständig anzuwenden und
die Entstehung interpersoneller Probleme herzuleiten
Interpersonelle Probleme diagnostisch einzuordnen und rückzumelden
interpersonelle Fertigkeiten zu vermitteln und aufzubauen
schwierige Therapiesituationen zu identifizieren und therapeutisch zu nutzen
und disziplinierte persönliche Rückmeldungen durchzuführen, um korrigierende Beziehungserfahrungen innerhalb der therapeutischen Beziehung(en) zu ermöglichen.
In dem 8 UE umfassenden Workshop kommen Video- und Lifedemonstrationen, Rollenspiele und Gruppenübungen zum Einsatz.
